Verdacht auf.

[Triggerwarnung: Klinikbericht; Angst, Schmerzen, Blut, Klaustrophobie, Nadeln]

Dieser Text ist zum Großteil ein Konglomerat aus Notizen, an deren Niederschreiben ich mich kaum erinnern kann. Es geht nicht um eine Krankheit und auch wenig ums Kranksein an sich. Ich versuche das Gefühl zu schreiben vielleicht krank zu sein, Angst zu haben und was ich dachte, während ich als Notfall an mir selbst vorbeizog. Die wirren Zeitformen habe ich so belassen, wie sie waren.

Ein Wochenende, an dem ich Zeit hatte, aber der Kopf nicht schreiben wollte. Konnte keinen klaren Gedanken fassen, zockte mich dusselig und ließ nachts den Fernseher laufen. Bloß nicht denken. Die letzten Panikattacken waren Jahre her, die Zeichen eindeutig. Unbegründet. Irrational. Ich kannte das, sorgte dafür, dass ich nicht alleine war. Ein guter Freund massierte mir die Schultern und steckte mich in die Badewanne. Mein Arm tat weh, ich schmierte Ibutop drauf und brachte all meine Kraft auf es zu ignorieren. Wegdenken. Wenn Nichtdenken schon nicht klappt.

Montag Abend verbrannte ich mir das linke Bein, hatte das Wasser kühler eingeschätzt und nichts bemerkt. Die Haut wurde krebsrot, das Bein heiß und eingeschlafen. Atmete tief durch, setzte mich auf die Kloschlüssel und sprang wieder hoch. Kälte schmerzte. Ich bat meinen Mann zu fühlen, da sei alles normal, sagte er. Ich machte mir Sorgen. Kann ein Körperteil so einschlafen?

Ich schlief kaum mehr. Die Hitze wanderte nach oben, bis zur Brust, die oberflächliche Sensorik war komplett weg. Taubheit und Schwere. Ich besprach mich mit einem befreundeten Arzt. Die Bewegung war nicht eingeschränkt, ich konnte auftreten, laufen, heben. Die nächste Nacht schlief ich gut.

Während Silvester und Neujahr nahmen Hitze- und Kältegefühle vollkommen reißaus. Mal da, mal nicht. Tief im Rücken knackte es. Das kannte ich. Seit der Geburt meines Sohnes ging der Lendenwirbel häufiger flöten. Manchmal rückt er sich von selbst zurecht, manchmal musste ich ihn einrenken lassen. Dann verlor ich die Kontrolle über mein rechtes Bein. Mein Unterleib wurde taub, Pinkeln gehen unangenehm. Ich konnte Berührung fühlen, oder wenn ich irgendwo anstieß, es aber kaum verhindern. Ich ging spazieren im Anflug einer wagen Hoffnung und weil frische Luft immer geil ist oder so. Einmal die große Runde um den Block. Es war anstrengend. Es begann wehzutun. Die Leiste und die Oberschenkel beschwerten sich, dass sie die Last tragen mussten. Ich bekam die rechte Zehenspitze nicht mehr angehoben. Zeit für einen Arzt.

Am Donnerstag brachte der Mann das Kind die Treppe herunter und ich es dann zu Fuß in die Kita. Ich brauchte die doppelte Zeit, legte Pausen ein, schnaufte, wurde angestarrt. Zog mich nur durch die Kraft in den Armen in eine Straßenbahn und fiel beim Aussteigen hin. Meine interne Twitter Timeline sagte Krankenhaus statt Notdienst, ich hielt mich daran. Keine Ahnung mehr von nix, rauchte viel, kriegte keinen Bissen runter. Als Mensch, der googelt, kannte ich mögliche Diagnosen, die easy-going, die miesen und die dazwischen. Freunde fuhren mich in die Klinik. Die Notaufnahme fragte nach meinem „ich verliere die Kontrolle über meine Beine“ ganz spezifische Dinge, die unisono zutrafen. Schwere, Taubheit, Hitze, Kälte, keine Traumata oder leichtere Verletzungen. Ich war als letzte gekommen und musste sofort durchgehen vor den knapp fünfzehn Leuten, die auch behandelt werden wollten. Meine Freundin streichelte mir den Rücken, ich ging allein. Es kam ein Pfleger, Blutabnahme, Blutdruckmessung, EKG. Seine Geräte muckten rum, er hatte einen blauen Iro und einen starken hessischen Dialekt. Er sagte Dinge wie „uff“ und „keine Angst“ direkt hintereinander und verschwand. Durch das Milchglas sah ich immer wieder Menschen vorbei rennen, in blau und weiß und orange leuchtend. Einer blieb stehen und schob die Tür auf. Mein Arzt. Ich habe keine Ahnung, wie er heißt. Nicht besonders groß war er, muskelbepackt und bebrillt. Ich erzählte alles von meiner Vorgeschichte, was mir einfiel. Auch, dass ich gerne mal was Psychosomatisches habe. Er schrieb sehr ausführlich mit und testete alles durch. Als ich die Leggins ausziehen sollte, fragte er, ob eine Schwester dazukommen solle. Ich bedankte mich dafür ehrlich, lehnte aber ab. Er war mir sympathisch. Mein rechtes Bein zuckte nonstop vor sich hin, mal so stark, dass er es beinahe aus seinem Griff verlor. Das linke reagierte einfach mal auf gar nichts. Er tat mir weh, entschuldigte sich dafür, setzte sich und sagte: „Es ist ernst.“ Ich weinte. Er sagte „Ihre Wirbelsäule ist entzündet. Da ist was Grosses. Das könnte im schlimmsten Fall eine MS sein.“ Ich klammerte mich an meinem Palituch fest, heulte. Der Arzt fragte „Haben Sie ein Handy hier?“ Ich nickte. „Ich werde jetzt alles vorbereiten und mich heute um Sie kümmern. Organisieren Sie, was Sie müssen.“, sagte er und begann noch im Gehen zu telefonieren. „Sofort ins MRT“, hörte ich.

Meine wartende Freundin bekam meinen Wohnungsschlüssel. Ich rief die Babysitterin an, die berechtigt ist das Kind aus der Kita abzuholen und dann die Kita. Und dann meinen Mann. Er solle seine Termine verknappen, es sei ernst. Er solle abends zurück kommen, bis dahin ist alles geregelt. Alles weitere dann. Ich sagte Ernst. Ich sagte nicht MS.

Ich wusste da schon, was MS bedeuten kann. In den richtig beschissenen Fällen und in den richtigen coolen. Dass 1 von 100.000 Menschen MS hat, sie manchmal in Schüben kommt und manchmal eben nie wieder. Dass man damit leben kann, dass ich wieder laufen können würde. Ich wusste aber auch, was der andere Eindruck ist. Rollstuhl, Sprachverlust.
Ich hatte Angst, ich heulte, ich wurde zum MRT gefahren, nur auf mich konzentriert. Großartige Menschen würden sich um mein Kind kümmern. Meine Tätowierungen könnten heiß werden, sagten sie. Bei Klaustrophobie solle ich was zur Beruhigung nehmen. Vierzig Minuten Röhre. Zweimal mussten sie mich rausziehen, Panik. Einmal ging der Notknopf flöten, da habe ich von innen auf das Ding eingeschlagen, dass es krachte. Einmal wollten sie eine kurze Pause machen, ich war mit der Idee mich währenddessen dadrin zu lassen nicht einverstanden. Während es ratterte, ging es. Stille konnte ich nicht ertragen. Das laute Quietschen und Dröhnen formte ich in meinem Kopf zu Musik, ließ die schönsten Filme mit Mann und Kind ablaufen. Es klappte. Ich spürte Küsse, Hand in Hand, Lachen und ein jauchzendes Kind, dass seinen Kopf in meine Halsbeuge drückt. Es ging vorbei, niemand lachte, niemand wies mich zurecht, eine Krankenschwester trocknete meine Tränen, eine andere streichelte den Baum auf meinem Rücken. Sie fragte, was die Ärzte vermuten. Ich sagte MS. Sie sagte, alles werde gut.

Ich bekam ein Bett, der Arzt kam wieder. Er nahm sich Zeit, machte es sich bequem. Fünf Bandscheibenvorfälle hätte ich, die sind nicht frisch, das ist schon was her, er könne sich nicht erklären wieso ich das nicht gefühlt hatte. Das hätte aber nichts mit meinen Symptomen zu tun. Ein Entzündungsherd an der Wirbelsäule. Am Lendenwirbel. Einer. Der würde auch alles erklären. Er könne keine MS Diagnose stellen, bis ein zweiter Schub komme, mit Glück komme der niemals. Aber er könne mir Wahrscheinlichkeiten geben.

Lumbalpunktion. Panik. Im Sitzen. Weniger Panik. Er fühlte, sein Fingernagel bohrte sich in meine Haut, dass mir wieder Tränen in die Augen schossen. Meine Freundin war da, streichelte meine Beine und sah mir über die Schulter. Es tat nicht so weh, wie ich erwartet hatte und dauerte nicht lange. Ich solle liegen jetzt, ruhen.

Intravenöses Cortison.

Intravenöses Cortison.

Der Arzt verabschiedete sich, er ist Notfallarzt. Es kommt eine andere Ärztin. Sie erklärt mir, dass ich Cortison bekomme, gegen die Entzündung. Dass ich bleiben müsse, sechs Tage, weil niemand wissen könne, wie mein Körper darauf reagiert. Ich frage ob das nicht ambulant ginge, der Mann hat Termine, die wir beide als wichtig ansehen, das Kind muss versorgt werden. Ich habe bis dahin keine Schmerzen, ich meine die Frage ernst. Sie sagt es gehe natürlich, aber nur auf eigenes Risiko und sie würde dringend davon abraten. Ich hätte schließlich einen Entzündungsherd im Nacken. Ich stocke. Im Nacken? Ich frage nach. Sie bleibt dabei. Ich weiß, zwei Herde machen MS wahrscheinlicher. Sie sagt, da sei nur einer. Und MS würde „man hier nicht aussprechen“. Ich stutze. Ich werde schlagartig wütend. Ich teile ihr auf die ungehobelte Art mit, dass es dafür ein bisschen spät ist. Dass Ich nicht dumm bin und dass ich weiß, dass diese Diagnose nicht sicher sein kann. Woher ich das wisse, fragt sie. Ich sage: „Ich bin Netzkind. Ich beschaffe mir Informationen.“ Sie sagt, genau sowas wolle sie vermeiden. Ich frage nach den Entzündungswerten meines Nervenwassers. Der Schnelltest musste schon ausgewertet sein. Sie stottert. Ich frage: „Sieht es nach MS aus?“ Sie sagt ja. Ich drehe mich von ihr weg und verlange die Auswertung meines Hirn MRTs. Sie bittet mich ihr mitzuteilen ob ich bleibe oder gehe. Ich schweige.

Meine Zimmernachbarin setzt sich auf mein Bett und streichelt mein Bein. Rheumapatientin, sie kennt sich aus. Sie versteht nicht, was da gerade passiert ist zwischen der Ärztin und mir. Ich bin mir sicher. Ich brauche niemanden, der in den Kaffeetopf gefallen ist. Ich erwarte Ehrlichkeit, Offenheit und Behandlung. Ich erwarte Besprechung, Erklärungen. Und nicht, dass jemand abgefuckt ist, weil ich schnell mehr weiß als der Normpatient. Ich bin ruhig, gemessen an der Angst, die ich habe. Ich verfalle nicht in Panik, ich spreche klar. Ich habe mir keine Symptome zusammengegoogelt. Ich frage mich wie schwer es für eine Ärztin sein kann den Unterschied zu sehen.

Die Nachtschwester fragt, was ich da mache. „Ich schreibe es auf. Ich will nichts von dem vergessen, was hier passiert.“ „Was vermuten die Ärzte?“ „MS.“ Sie schweigt. Ich sage ihr, dass das alles bedeuten kann, dass ich gerade keine Angst habe. Mein Kopf funktioniert noch. In diesem Moment habe ich wirklich keine Angst. Sie sagt, dass ich stark aussehe. Ich glaube ihr, ich fühle mich stark. Ich twittere unser Gespräch während ich es führe. Sie lächelt und geht, macht weiter ihre Runde. Ich bin ihr dankbar. Nur dafür, dass es sie gibt.

Klinikselbstportrait.

Klinikselbstportrait.

Irgendwann ist es Freitag geworden, ich kann die Zeit nicht mehr auseinanderhalten. Der Mann kommt zurück, alles klappt, das Kind ist versorgt, meine Kliniktasche da, ich kriege Besuch. Intravenöses Cortison, mein Kopf schaltet sich aus und wird erst spät abends wieder munter. Die Schmerzen kommen, im Kopf, im Nacken, meine uralten Kieferprobleme verschlimmern alles. Am Wochenende ist nur ein Bereitschaftsarzt da, ich bin kein Notfall mehr. Ich kriege Schlaftabletten und Ibuprofen, ich schiebe mich und meinen Rollstuhl in den Aufzug und vor die Tür, rauche zwei, vielleicht drei Zigaretten am Tag. Ich würde mehr, aber ich kann meinen Kopf nur schwer aufrecht halten. Thrombosespritzen, erst ins rechte Bein, dann ins linke, weil das noch gefühllos ist und ich mich nicht quälen will. Meine Taille hängt durch, mir wird langsam bewusst, wie wenig Muskulatur ich wirklich im Rücken habe und dass ich nach der Schwangerschaft hätte anders handeln müssen, hatte mehr tun müssen. Im Sommer war ich beim Orthopäden, er hat mir einen Lendenwirbel eingerenkt, mich geröntgt, nichts gefunden. Ich mache seitdem Gymnastik, wie er verlangte. Nicht jeden Tag, aber mehrmals die Woche. Bleibe nicht lange still sitzen, bewege mich, dehne mich, hebe nur aus den Knien. Versuche mir keine Vorwürfe zu machen. Habe ich zu lange gewartet oder kann ich sowieso nichts tun? Macht das eine MS wahrscheinlicher und kann dieser verfickte Kopf jetzt endlich Ruhe geben? Ich habe das Ergebnis meiner Hirn MRT nicht bekommen und bin sauer. Die Medikamente schlauchen. Sehe jeden Tag mein Kind und kann es nicht einmal festhalten. Kraft adé. Das ist nicht schlimm. Der Mann sorgt dafür, dass meine Lieblingsmädchen kommen, ich bin überwältigt und weine viel. Bis dahin haben schon ein halbes Dutzend Freunde auf der Matte gestanden, sich ums Kind gekümmert, meine Wäschevorräte aufgefüllt und Sahnetorte gekauft.

Mache mir Sorgen, dass ich meine Medis nicht kriege, bin ein bisschen paranoid. Meine Zimmernachbarin erklärt mir, dass das Cortison verdünnt mit Kochsalzlösung gegeben wird und mich das nicht verwirren soll. Sie zeigt mir den Beutel, auf der Rückseite steht handschriftlich, was außer NaCl noch drin ist. Ich beruhige mich. Ich verpasse mir keine innerliche Ohrfeige. Es sind die Medis und die Krankheit. Der erste Arzt sagte, Verwirrung gehöre dazu. Zur Entzündung, zur Lumbalpunktion und zum Cortison.

Die Erinnerungen verschwimmen und kommen erst am Samstag zurück. Mein Kind schiebt meinen Rollstuhl, die Herzmädchen machen Fotos davon. Es wird gelacht. Der Tag ist wundervoll. Nachdem ich fast in die Cafeteria gekotzt habe, gehen sie mit dem Kleinen spazieren. Der Mann hat seinen wichtigen Termin erledigt und legt sich zu mir. Wir halten uns aneinander fest. Wir teilen uns die Angst, es wird weniger. Ich bin voller Liebe. Und abends bin ich alleine. Ich vermisse mein Bett und seine Wärme und das morgendliche Milchaufwärmen. Will aufstehen, falle zurück aufs schweißnasse Krankenbett, klebe fest. Eine dritte Zimmernachbarin beschwert sich ununterbrochen in schnellem, lautem Hessisch. Auf dem kleinen Fernseher läuft keine gute Dokumentation. Das Eragon Hörbuch lässt mich nur manchmal wegnicken. Alles an mir riecht nach altem Blut, duschen hilft nicht, im Stundentakt wechsle ich die Kleidung. Die Infusionen kommen unerwartet, obwohl ich darauf warte. Fünf soll es geben, ich verzähle mich. Nervosität bricht durch, fühle sie kommen, schlucke sie runter, meine Beine zucken wieder stärker. Ich weiß, dass das jetzt mein Kopf ist und nichts anderes, nehme die Schlaftabletten, verzweifle bei dem Versuch mich unruhig zu wälzen. Mein Rücken macht nicht, was ich von ihm verlange, die Braunüle in meinem Schreibarm stört jede Bewegung. Werde biestig, halte mich aus allen Gesprächen raus. Muss mich zwingen weiterhin Danke zu sagen, wenn ein*e Pfleger*in etwas für mich tut.

Der Montag zieht sich. Schon weit vor 5 Uhr liege ich wach und warte. Mir wird bewusst, wie wenig ich gegessen habe an diesem Wochenende, also zwinge ich mich die Teewurst zu genießen. Die Verpackung reißt einfach auf, zu Hause brauche ich dafür immer ewig. Keine Musik, ich wage nicht jemanden anzurufen, frage nur nach wie es zuhause läuft und bitte den Mann mir frische Socken einzupacken. Räume meinen Müll weg, damit der Kaffee direkt ans Bett gestellt werden kann. Mit der linken Hand. Apathisch. Koffein gegen Kopfschmerzen. Habe so null Ahnung von meinem Körper und bin entsetzt darüber. Höre zwei Stunden lang der Visite beim Näherkommen zu in der Gewissheit, dass es keine 100% Diagnose gibt. Ein Arzt und eine Ärztin. Mit ihr hatte ich mich vor dem Wochenende in den Haaren. Konzentration. Niemand muss daran schuld gewesen sein, reiß dich zusammen, Kia. Sie findet klare Worte. Ich auch. Ich brauche dafür unheimlich lange. Jeden Buchstaben quetsche ich raus, muss ihn erst suchen. Sie findet dann doch meinen Blick und sagt viele logische Dinge, die ich ihr glaube. Wir sprechen lange. Ihr Kollege hört zu. Sie fassen mich beide an, testen meine Reflexe, meine Beweglichkeit. Ich hatte seit der Geburt meines Sohnes nicht mehr so viele fremde Hände an meiner Haut. Keine Wärme, das meiste ist taub oder paralysiert. Sie sagt, dass es keine Sicherheit gäbe. Ich weiß das. Da sind keine alten Entzündungsherde in mir, mein Hirn ist gesund. Hoffnung. Wir gehen ein weiteres Mal meine gesamte Krankengeschichte durch. Jedes psychische Problem, jede Operation, jeden Schmerz. Sie will alles wissen und sagt dann: „Eine MS ist unwahrscheinlich.“ Der Herd sitzt im Nacken, dass fünf Bandscheiben in der Lende raus sind, Zufall. Die Symptome passen, wenn sie auch zugegebenermaßen ziemlich krass sind. Ich würde damit noch eine Weile kämpfen. Es hätte mich böse erwischt, aber vermutlich eben nur das. Nicht mehr.

Der Mann kommt, allein. Ich kann mich nicht genug an ihm festhalten. Keine Herde. Eine Sozialarbeiterin füllt meinen Rehaantrag aus, mein Vater nimmt sich Urlaub, ich gebe den Auftrag eine Haushaltshilfe zu organisieren, einfach ab. Mir egal, wer das macht. Ich muss jetzt wieder laufen lernen. Eine Physiotherapeutin schneit rein. Ich entschuldige mich für meinen Gestank. Ich werde ihn einfach nicht los. Sie lacht. Sie hat warme Hände.

Montag Abend. Ich habe wochenlange Reha vor mir, keinen Schimmer, wann und was das eigentlich genau ist. Die letzte Infusion ist drin, die blöde Nadel raus. Langsam schmeckt nicht mehr alles nach Eisen. Meine Haare stehen in alle Richtungen ab, ich kratze mich, es hilft nicht. Bin noch gar nicht lange krank, habe kaum abgenommen, nur etwas grünlich blass bin ich, voller blauer Flecken und stehe leicht schief. Stehe, immerhin. Sehe mir in die Augen, finde mich. Das hier ist nicht so schlimm wie befürchtet. Es hätte es sein können. Ich bin nicht allein. Habe mir nichts eingebildet, keine übermäßige Panik geschoben. Habe viel richtig gemacht an diesem Wochenende und mir viel Gutes antun lassen.

Ich werde wohl wieder gesund werden. Es könnte wiederkommen oder ewig wegbleiben. Keine Prognose. Nur daran arbeiten, dass nichts zurück bleibt.

2 Gedanken zu „Verdacht auf.

  1. Eindrücklicher, beängstigender Text. Ich versuche ihn mir zu merken für meine Patienten. Es fühlt sich alles so taub an im Text, weit entfernt und doch bedrohlich. Ich hoffe es geht dir inzwischen etwas besser, der Kopf wieder etwas klarer. Ich wünsche dir viel Kraft für den Weg vor dir und wenn du willst eine fremde, digitale Umarmung.

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